Elisa Lam – ein defekter Fahrstuhl und der Tod im Wassertank

| 25. Januar 2021 |

Zuerst verschwand ihr Handy, dann die 21-jährige Elisa Lam. Ausgerechnet die Überwachungskamera des berüchtigten Cecil-Hotels in Los Angeles liefert die letzten Bilder: von einem nicht funktionierenden Aufzug und einer sich in die Ecke drückenden Elisa. Warum veröffentlichte die Polizei ein offensichtlich verändertes Video? Auch der Obduktionsbericht der Leiche wirft Fragen auf. Werden die Todesumstände der kanadischen Studentin von den Behörden verschleiert?

 

Elisa taucht auf – in der Wasserversorgung des Hotels

Als sich Hotelgäste des Cecil über einen schwachen Wasserdruck und schwarzes Wasser in der Dusche beschweren, fährt Santiago Lopez von der Hausverwaltung zur 15. Etage und steigt die Treppe zum Dach hoch. Er deaktiviert den Alarm an der Tür und betritt die für Gäste unzugängliche Dachfläche des Hotels. Um an die nur 46×46 cm großen Luken der riesigen Wassertanks zu gelangen, klettert er auf die 120 cm hohe Betonplattform. Er zwängt sich mit der 3-Meter-Leiter zu den hinteren 1.000 Gallonen-Tanks (3.785 Liter). Im letzten der über 3 Meter hohen und gut 1,80 Meter breiten Wassertanks entdeckt er Elisas Leiche – die Ursache für das verfärbte Wasser.

 

Tod durch Ertrinken

Sofort informiert Santiago Lopez seinen Vorgesetzten Pedro Tovar. Amy Price, die Hotelmanagerin ruft beim Los Angeles Police Department LAPD an; dort sucht man bereits nach der vermissten Elisa. Ihre Kleider treiben um den nackten, grünlichen Körper, der mit dem Gesicht nach oben im Wasser schwimmt. Der Wassertank wird in Bodennähe aufgeschnitten, um die verwesende Leiche zu bergen. Das war am 19. Februar 2013 und damit Wochen, nachdem die LAPD das Dach mehrere Tage lang erfolglos nach der verschwundenen Elisa abgesucht hatte. Auch die K9-Hundestaffel der Polizei suchte dort erfolglos nach Elisa. Nun sollte es lange vier Monate dauern, bis das Los Angeles County Coroners Office den Autopsie-Bericht veröffentlichte: Kein Fremdverschulden, Elisa sei ertrunken.

 

Keine Drogen im Spiel

Elisas Eltern, David und Yinna Lam, kamen aus Hongkong nach Kanada und eröffneten in Vancouver ein Restaurant. Elisa kämpfte bereits seit Jahren mit mentalen Problemen, die als Depression und bipolaren Störung diagnostiziert wurden. Die toxikologischen Tests der Polizei fanden Spuren von Sinutab und Ibuprofen, einer sehr kleinen Menge Alkohol (etwa 0,02 g%) sowie der bei ihr gefundenen verschriebenen Medikamente Lamotrigine, Quetiapine, Venlafaxine XR, Wellbutrin XL. Metabolite von Partydrogen fand man bei Elisa nicht.

 

Schwammig – der Obduktionsbericht

Der Obduktionsbericht der Polizei ist stellenweise sehr vage formuliert. Beispielsweise wurden Testkits zur Analyse von Spuren unter den Fingernägeln oder zum Nachweis einer Vergewaltigung angefordert. Zur Auswertung der Ergebnisse schweigt sich der Bericht allerdings aus. Am 15. Juni 2003 soll der Autopsiebericht im Polizeicomputer als „Unfalltod durch Ertrinken“ markiert worden sein. Am 18. Juni wird die Todesursache in „Nicht feststellbar“ geändert. Das wiederum wird später durchgestrichen und mit „Fehler“ schriftlich ergänzt.

 

Wurde Elisa vergewaltigt?

Berichtet wird in den Medien, dass bei der Obduktion keine Gewalteinwirkung erkennbar gewesen sein. Tatsächlich wurde im Obduktionsbericht eine Blutansammlung im analen Bereich vermerkt. Ob sie tatsächlich ein Hinweis auf eine Vergewaltigung ist, bleibt ungeklärt. Einige forensische Experten halten dies für „hoch wahrscheinlich“, andere können eine natürliche Ursache nicht ausschließen. Denn durch die Liegezeit im Wasser bläht sich der Körper auf und Gase verlassen die Körperöffnungen. Der Bericht der Polizei lässt eine Erklärung für das Gewebe-Trauma offen. Wie konnte man dann letztlich einen Mord ausschließen?

 

 Bloggerin auf „West Coast Trip“

In Ihrer Suchmeldung beschreibt die Polizei Elisa als Asiatin mit chinesischen Wurzeln. Sie hatte schwarzes Haar, braune Augen, war schlank und 165 cm groß. Die fließend Englisch und Kantonesisch sprechende Studentin war an der British Columbia Universität eingeschrieben – allerdings nicht zum Zeitpunkt ihres Verschwindens. Elisa fühlte sich nicht gut, ließ mehrere Uni-Kurse ausfallen und nahm sich schließlich das ganze Semester frei. In ihren beiden Online-Blogs „Ether Fields“ auf Blogspot und „Nouvelle-Nouvelle“ auf Tumblr postete sie von ihrem „West Coast Trip“, der sie von Vancouver die kalifornische Küste hinabführen sollte. Die letzte Station war Santa Cruz, nördlich von LA. Elisa zog allein los und war mit Intercity-Bussen und der Bahn (Amtrak) unterwegs.

 

Die letzten Tage im Leben der Elisa Lam

Am 26. Januar 2013 buchte sie für drei Tage ein Gemeinschaftszimmer im Cecil – vom 28. bis zum 31. Januar 2013. Doch die Roommates beschwerten sich über ihr eigenartiges Verhalten, woraufhin man sie am 30. Januar in ein Einzelzimmer umquartierte. Am letzten Tag im Hotel, dem 31. Januar soll ihr Handy gestohlen worden sein. Bis dahin meldete sie sich täglich bei ihrer Familie in Kanada. Auch im Cecil, einem 600-Zimmer-Hotel wurde sie vom Hotel-Personal an diesem Tag zuletzt gesehen. Ihr Reiseplan sah vor, am nächsten Morgen, dem 1. Februar 2013 auszuchecken und nach Santa Cruz weiterzureisen. An ihrem letzten Tag wurde sie allein gesehen. In einem nahegelegenen Buchladen kauft Elisa Geschenke für die Familie. Die Buchhändlerin beschreibt sie „offen, sehr lebhaft und sehr freundlich“. Man unterhält sich nett und Elisa sorgt sich um das zusätzliche Gewicht im Reisegepäck.

 

Mysteriös und mit Gänsehaut-Effekt – der Fahrstuhl im Hotel Cecil

Nach dem 31. Januar verliert sich Elisas Spur. Auch ihre Eltern hören nichts mehr und verständigen die Polizei. Sichergestellt wird von der Polizei auch das Überwachungsvideo aus dem Fahrstuhl des Hotels. Veröffentlicht wird es am 15. Februar, nachdem noch immer kein Zeichen von Elisa gefunden wurde. Doch offensichtlich wurde das Video editiert: Elisas Mund ist teilweise verpixelt, der Zeitstempel unkenntlich gemacht. Vermutet wird, dass aus dem Fahrstuhl-Video 54 – 55 Sekunden herausgeschnitten und andere Sequenzen durch Zeitlupe künstlich verlängert wurden. Erklärungsversuche, nach denen die Polizei unbeteiligte Gäste des Hotels hätte schützen wollen, erscheinen in Anbetracht der technischen Möglichkeiten geradezu albern. Eine Erklärung für das Editieren des Videos gab die Polizei nie ab.

 

Elisa und das Eigenleben des Fahrstuhls

Das Video  soll am 1. Februar aufgenommen worden sein. Vermutlich also in der Nacht vor ihrer geplanten Abreise. Elisas Tod wird in den Obduktionsakten mit dem 2. Februar 2013 angegeben. Das Video zeigt in schlechter Qualität, wie der leere Fahrstuhl hält, die Tür öffnet und Elisa von links einsteigt. Über einem grauen T-Shirt trägt die Fashion Bloggerin ein rotes Reißverschluss-Hoodie, schwarze knielange Shorts und Sandalen. Sofort beugt sie sich zum Bedienfeld herunter und drückt die Knöpfe mehrerer Etagen. Elisa wartet, macht einen unaufgeregten Eindruck – jemand der Fahrstuhl fährt. Doch die Fahrstuhltüren schließen sich nicht. Im Bereich der Lichtschranke ist niemand zu sehen. Warum sich der Fahrstuhl nicht schließt, ist technisch nicht erklärbar. Offensichtlich auch nicht für Elisa, denn die schaut – als erwarte sie einen Schabernack – mit einem schnellen Schritt um die Ecke, ob vielleicht von außen der Fahrstuhlknopf betätigt wird – eine Erklärung, warum die Türen offenbleiben würden.

Lief Sie durch das Treppenhaus?

Sofort geht sie in den Fahrstuhl zurück und presst sich beinahe in die nicht einsehbare Ecke neben den Fahrstuhlknöpfen. Die Tür schließt nicht. Nochmals schaut Elisa vorsichtig heraus. Es scheint, als gehe sie vor und zurück, um den Fahrstuhl und die Lichtschranke doch noch zum Funktionieren zu bringen. Vor dem Fahrstuhl scheint sie die Arme zu heben, kommt zurück und drückt nochmals mehrere Knöpfe. Drückt sie fast alle Knöpfe, weil sie eine Macke des Fahrstuhls kennt? Wieder geht sie aus dem Fahrstuhl und gestikuliert. Spricht sie mit jemandem in der Lobby?

Elisa verschwindet für mehrere Sekunden aus dem Kamerabereich des leeren Fahrstuhls. Der schließt dann tatsächlich, um sich nach mehreren Sekunden wieder zu öffnen – in der gleichen Etage. Wieder schließt die Tür des Fahrstuhls und er öffnet in einer Etage mit nun rot-orange gestrichener Wand. Das Video bricht ab. Festzuhalten ist: Wäre Elisa in der Nacht doch noch mit dem Fahrstuhl gefahren, hätten wir das auf dem Video gesehen. Offensichtlich ist sie nicht. Wie kam sie auf das Dach? Hat sie die Treppe genommen?

 

Wie kam die Leiche in den Wassertank?

Für ihre Angehörigen kommt ein Selbstmord nicht infrage. Zugang zum Dach hatten die Gäste ohnehin nicht und sofort wäre beim Öffnen der Tür der Alarm ausgelöst worden. Den hätten sogar die Gäste der 14. und 15. Etage gehört. Das Alarmsystem des Hotels löste zwischen dem 31. Januar und dem 19. Februar, als die Leiche entdeckt wurde, kein einziges Mal aus. Eine Alternativroute auf das Dach wären die äußeren Feuerleitern des Hotels. Die schmalen Luken der riesigen Wassertanks waren allerdings auch ohne Leiter zu erreichen – über das Dach des Wartungsraumes für des Fahrstuhls. Von dort hätte jemand eine Leiche herablassen oder auf einen der Tanks springen können. Dass die zierliche Elisa selbst einen der mehrere Meter hohen Tanks erklommen und in der Dunkelheit die schwere Luke geöffnet hat, ist schwer vorstellbar. Der Täter hatte eine sehr gute Ortskenntnis und muss die Sicherheitsanlagen des Hotels zumindest gut gekannt haben. Denn auch über eine äußere Feuerleiter lässt sich kein Hotel unbeobachtet betreten.

Quellen: