Der “Confession Killer” Henry Lee Lucas

| 11. Januar 2021 |

1984, ein Jahr nach seiner Verhaftung und seinem später wiederrufenden Geständnisses, sagte Henry Lee Lucas, er habe seine Opfer nie leiden lassen. Wenn er zustach, so Lucas, so sei der erste Stich tödlich gewesen.

In den Jahren nach seiner Verurteilung empfängt Lucas immer wieder JournalistInnen und ReporterInnen, um ihnen von sich zu erzählen. Er erzählt seine Geschichten, zählt Opfer auf, sagt, er habe sich nie in eine Frau hineinversetzen können und wisse nicht, was diese während einer Vergewaltigung empfinde. Er nehme an, es sei traumatisch. Er empfängt sie in “seinem Büro”, einem fensterlosen, kargen Raum mit weißen Wänden. Wird man ihm gegenüber ungehalten, unterbricht er sich. Schnell spricht sich herum, dass man nur dasitzen darf und ihm dabei zuhören muss, wie er die Morde und abscheulichen Taten schildert, die er begangen haben will, ungeachtet der Wut, die unweigerlich in einem hochsteigt. Seine Emotionslosigkeit und die Kälte, mit der er über seine Opfer und deren Empfindungen in den letzten Momenten ihres Lebens spricht, verursacht Gänsehaut. Doch sie hören ihm zu, wie sie ihm immer zugehört haben.Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 gesteht Lucas hunderte Morde. Die Presse verpasst ihm den Spitznamen “The Confession Killer”. Das Land will alles über den Mann wissen, der bis zu seinem Tod behauptet, kein Serienmörder zu sein. Der über sich selbst sagt, “so wie jeder andere” zu sein und kein Vorbild für junge Menschen, die ihn vor den Mauern des texanischen Gefängnisses anhimmeln.

Wer war Henry Lee Lucas? Wie ist er zu dem Menschen geworden, der 1983 neun lebenslange Freiheitsstrafen und die Todesstrafe erhielt?

 

Eine grausame Kindheit

Am 23. August 1936 erblickt Henry Lee Lucas das neuntes Kind einer in Armut lebenden, indigenen Familie das Licht der Welt. Zwischen Brushy Mountain und Get Mountain wächst Lucas in der kleinen Stadt Blacksburg in Virginia auf.

Lucas Mutter ist eine herrische Frau und bei seiner Geburt bereits über fünfzig Jahre alt. Nach einem Eisenbahnunfall, bei dem Henrys Vater Anderson Lucas beide Beine verliert, fällt Viola Dixon die alleinige Versorgung der Familie zu. Viele Jahre später wird Henry Lee Lucas behaupten, sein Vater habe nie etwas Böses getan und bloß Stifte verkauft. Er verbringt den Großteil seiner Zeit zuhause und ist meist betrunken.

Viola Dixon verkauft selbstgebrannten Schnaps und prostituiert sich. Ihre Freier empfängt sie in der Ein-Zimmer-Hütte, in der sie mit ihrer Familie lebt. Einige der ältesten Kinder sind in die Obhut des Staates genommen und adoptiert worden. Dieses Glück wird dem jüngsten Sohn nicht zuteil. Stattdessen wird er von seiner Mutter fortwährend dazu gezwungen, ihr bei sexuellen Handlungen mit fremden Männern zuzusehen. Auf Verweigerung reagiert Viola mit Schlägen und Misshandlungen.

Während eines Streites mit einem seiner älteren Brüder wird Henry mit einem Messer am linken Auge verletzt. Seine Mutter lässt sie Wunde tagelang unbehandelt. Sie entzündet sich und schließlich wird Henry das Auge entfernt und durch ein Glasauge ersetzt.

Als Anderson Lucas 1944 auf dem Heimweg erfriert, weil er betrunken in einen Sturm gerät und kollabiert, richtet sich Violas gesamte Wut und Frustration gegen ihr jüngstes Kind Henry Lee. Neben den zunehmenden körperlichen Misshandlungen schickt sie ihn in Frauenkleidern zur Schule. Dies führt zu Angriffen und Hänseleien durch seine Mitschüler und wird schließlich durch die Schule verboten.

In der sechsten Klasse wird Henry der Schule verwiesen. Er entscheidet, nicht zu seiner gewalttätigen Mutter zurückzukehren, sondern zieht ziellos und alleine durch Virginia. Während dieser Zeit führt Henry sexuelle Handlungen mit Tieren durch und tötet diese, um sich zu ernähren. Außerdem begeht er eine Reihe von Diebstählen, welche dazu führen, dass er mehrmals in diverse Besserungsanstalten gebracht wird.

 

Der erste Mord

Henry Lee Lucas behauptet nach seiner Verhaftung zuerst, er habe 1951 mit 15 Jahren die im März 1951 verschwundene 17-jährige Laura Burnsley vergewaltigt, stranguliert und getötet. Später nimmt er dieses Geständnis, wie so viele andere, jedoch wieder zurück.

Der erste Mord, den Henry Lee Lucas begeht und von dem er kurz vor seinem Tod behauptet, es sei der einzige in seinem Leben gewesen, ist der Mord an seiner Mutter Viola Davis.

Von 1954-1959 sitzt Lucas wegen verschiedener Raubüberfälle im Gefängnis. Während dieser Zeit hält er regen Kontakt zu einer Brieffreundin. Lucas Mutter ist von dieser Verbindung nicht begeistert. Die beiden geraten darüber immer wieder in erbitterten Streit.

Nach seiner Entlassung zieht Lucas zu seiner älteren Schwester Opal. 1959 besucht Viola Dixon ihren Sohn. Die beiden geraten erneut in einen Streit, als Viola von ihrem Sohn verlangt, er solle sich im Alter um sie kümmern. Alkoholisiert und wütend ersticht Lucas seine Mutter im Haus seiner Schwester. Diese findet die Mutter in ihrem Blut und verständigt einen Rettungswagen. Viola erliegt kurz darauf einem Herzinfarkt.

Vor Gericht sagt Lucas, er habe sich selbst verteidigt. Der Richter verurteilt ihn zu 20-40 Jahren, doch aufgrund der Überfüllung der Gefängnisse wird Henry Lee Lucas 1970 nach zehn Jahren Haft vorzeitig entlassen.

Er heiratet eine alleinerziehende Mutter, doch die Ehe zerbricht, als er die Tochter sexuell belästigt. Ohne ein Zuhause oder einen Ort, an den er zurückkehren kann, zieht Lucas durchs Land, wie er es schon einmal getan hat. In einer Suppenküche in Florida trifft er auf Ottis Toole.

 

Ottis Toole und Frieda “Becky” Powell

Zwischen Ottis Toole, der aus ähnlich zerrütteten Verhältnissen wie Lucas stammte und später als amerikanischer Serienmörder und Kannibale bekannt werden wird, und Lucas und entwickelt sich eine Freundschaft. Eine Quellen sprechen von einer sporadischen Liebesbeziehung, die jedoch nie von einem der beiden Männer bestätigt worden ist.

Toole und Lucas befreien Tooles Nichte und Neffen aus einem Jugendheim. Sie leben in Tooles Elternhaus und Lucas beginnt, sich für die zehn Jahre alte, geistig beeinträchtigte Nichte Frieda “Becky” Powell zu interessieren.

Für einige Zeit, von 1979 bis 1981, ist Lucas Leben stabiler, als es die Jahre zuvor gewesen ist. Er arbeitet als Dachdecker, Handwerker und Mechaniker gemeinsam mit Toole in der Nachbarschaft.

Später ziehen die beiden mit Becky und Tooles Neffen nach Stoneburg, Texas. Dort beginnt Lucas ein sexuelles Verhältnis mit der minderjährigen Becky. Diese leidet zunehmend unter Heimweh und so willigt Lucas ein, mir ihr zurück nach Florida zu ziehen. Toole wird gemeinsam mit seinem Neffen zurückgelassen.

Henry und Becky nehmen einen Job bei der 82-jährigen Kate Rich an. Schnell entdeckt Richs Familie, dass die beiden nicht nur ihren Job unzureichend erledigen, sondern auch Schecks auf den Kate Richs Namen ausstellen, um sich selbst zu bereichern. Kurzerhand werfen sie die beiden raus.

Die religiöse Gemeinschaft “House Of Prayer” nimmt das angeblich verheiratete Paar auf und besorgt Lucas einen Job als Dachdecker.

Am 24. August 1982 tötet Lucas die 15-jährige Becky auf einem Feld. Er vergeht sich an ihrer Leiche, zerstückelt sie und verteilt die Körperteile auf dem Feld. Jahre später wird Lucas behaupten, Frieda “Becky” Powell sei die einzige Frau gewesen, die er je geliebt habe.

Am 16.09.1982 überzeugt er Kate Rich, ihn bei der Suche nach Becky zu unterstützen. Auf einem Campingplatz tötet er die alte Dame, vergeht sich auch an ihrer Leiche und versteckt diese in einem Abflussrohr, zu dem er später zurückkehrt, um die Leiche erneut zu schänden.

 

Die Verhaftung

Die letzten Tage als freier Mann verbringt Lucas im “House Of Prayer”. Als er hört, dass man ihn mit dem Verschwinden von Kate Rich in Verbindung bringt, holt er ihre Leiche und verbrennt sie in einem Ofen. Einen Lügendetektortest besteht er.

1983 wird Lucas wegen unerlaubten Waffenbesitzes verhaftet. Nach vier Tagen in Haft gesteht er die Morde an Powell und Rich. Später behauptet er, dass er dies nur getan habe, um der weitern groben Behandlung der Texas Ranger zu entgehen. Im Laufe der Verhandlungen gesteht Lucas zum Entsetzen aller Anwesenden über hundert weitere Morde. Die “Lucas Task Force” wird gegründet, um allen Behauptungen nachzugehen.

 

Der Confession Killer

Henry Lee Lucas reist mit Rangern und Dedectives verschiedener Reviere durchs Land, von Staat zu Staat, von Polizeiwache zu Polizeiwache. Er wohnt in Motels, wird nur selten in Handschellen gelegt und isst Steaks und Milchshakes.

Im Laufe dieser Reisen gesteht er über 360 Morde. Darunter einige, die es nie gegeben hat, denn ein Dedective aus Dallas erfindet Fälle, um Lucas Glaubwürdigkeit zu überprüfen.

Unterdessen werden Lucas Geständnisse immer ausgefallener. Er spricht von einer Sekte und davon, das Gift, welches zum Massenselbstmord in Jonestown führte, geliefert zu haben. Er behauptet, Morde in Spanien und Japan begangen zu haben, ohne Amerika jemals verlassen zu haben.

Schnell behaupten die Medien, der “Confession Killer” sei eine Erfindung der Strafverfolgungsbehörden, um ihren unaufgeklärten Fällen Herr zu werden.

Am Ende wird Henry Lee Lucas für zehn Morde schuldig gesprochen. Für den “Orange Socks” Fall, dem Mord an einer jungen Frau in Texas, deren Identität erst 2019 geklärt werden kann, wird die Todesstrafe verhängt. Die Beweise sprechen in diesem Fall jedoch gegen ihn als Täter, denn Aufzeichnungen beweisen, dass Lucas sich zur Zeit des Mordes beruflich in Florida aufgehalten hat.

Sechs Tage vor der geplanten Hinrichtung wird Lucas 1998 von George W. Bush, dem damaligen Gouverneur von Texas, begnadigt. In Bushs Rede heißt es, Lee sei fraglos anderer verabscheuungswürdiger Verbrechen schuldig, allerdings, so glaube er, gebe es genügend Zweifel hinsichtlich dieses speziellen Verbrechens, dass der Staat Texas nicht die Höchststrafe in Form seiner Hinrichtung verhängen solle.

Drei Jahre später stirbt Henry Lee Lucas im Alter von 64 Jahren an Herzversagen.

Wer also war Henry Lee Lucas? Ein Mann, dessen Leben durchzogen war von Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Der das Töten von Menschen mit dem Rausgehen verglich. Wenn er ein Opfer wollte, ging er los und suchte sich eines. Der sagte, er vergesse, was er getan hat, sofort nachdem es geschehen sei. Er war ein Mann, der die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil geworden ist, genoss. Der nach seinem Tod viele offene Fragen zurückließ. Noch heute fragen sich hunderte Familien, ob er wirklich der Mörder ihres geliebten Menschen gewesen ist oder ob das nur eine seiner Geschichten war. Fakt ist, dass er in bislang 20 Fällen durch DNA Vergleiche des Lügens überführt werden konnte. Niemand kennt die genaue Zahl seiner Opfer, niemand kennt die genaue Zahl seiner Lügen.

Zweifelsohne war Henry Lee Lucas ein Mörder, der zu viele unschuldige Menschen aus dem Leben riss.

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