Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch – vom Waisenkind zum Monster?

| 11. Januar 2021 |

1966 in Langenberg. Später einmal wird der beschauliche kleine Ort zum angrenzenden Velbert gehören, doch jetzt, im Sommer `61 ist er ein schläfriges kleines Städtchen zwischen Essen und Wuppertal, umgeben von Wäldern, Feldern und Wiesen.

Der 14 Jahre alte Peter F. wird von einem etwas älteren Jungen angesprochen und unter einem Vorwand in einen einsamen Luftschutzbunker gelockt. Dort wird er von ihm überwältigt, gefesselt und missbraucht. Er lässt ihn zurück, sagt ihm, er werde wiederkommen und ihn töten. Dann ist er weg. Peter F. bleibt nicht viel Zeit. Er schafft es, die Fesseln mit Hilfe einer brennenden Kerze, die der Junge ebenfalls zurückgelassen hat, zu lösen.

Wenig später findet die Polizei im Luftschutzbunker die Überreste der vermissten Jungen Klaus Jung, Ulrich Kahlweiß, Peter Fuchs und Manfred Graßmann.

Jürgen Bartsch wird drei Tage nach der Entführung von Peter F. im Alter von 19 Jahren von der Polizei festgenommen.

 

Das einsame Adoptivkind

Die Geschichte von Jürgen Bartsch beginnt am 06.11.1946 in Essen, wo er als Karl-Heinz Sadrozinski geboren wird. Seine Mutter stirbt kurz nach seiner Geburt und so verbringt der kleine Karl die ersten Monate seines Lebens im Krankenhaus, in der Obhut stetig wechselnder Krankenschwestern, die sich um den Waisenjungen kümmern, über dessen Vater nichts bekannt ist.

Der Zufall will es, dass die kinderlose Gertrud Bartsch das Krankenhaus aufgrund einer operativen Entfernung ihrer Gebärmutter aufsucht. Die Frau des gut verdienenden Fleischers Gerhard Bartsch entscheidet sich dazu, das elternlose Baby bei sich aufzunehmen. Mit elf Monaten verlässt Karl-Heinz, nun Jürgen Bartsch, das Krankenhaus, um sein Leben zu beginnen. Rechtmäßig bewilligt wird die Adoption erst sieben Jahre später.Die anfangs als glückliche Fügung des Schicksals empfundenen Umstände werden für Jürgen jedoch bereits in den ersten Jahren seines Lebens zu einer harten Probe.

Seine Eltern fürchten sich davor, dass Jürgen von der Adoption entfernt. Er wächst in dem Glauben auf, ihr leibliches Kind zu sein. Gleichzeitig setzen sie den Jungen mit ihrer hohen Erwartungshaltung unter Druck. Sie erwarten, dass er ihrem guten Ruf gerecht wird und in allem überdurchschnittlich gut ist.

Bis zum Schulbeginn isolieren Gerhard und Gertrud ihren Sohn von anderen Kindern. Bartsch hat kaum soziale Kontakte, ganz besonders nicht zu Gleichaltrigen. Er wird in einen Kellerraum gesperrt, wo er hinter Gittern und bei künstlichem Licht ein trostloses Dasein fristet.

Seine Adoptivmutter, so erfährt man später aus einigen Briefen, die Bartsch schreibt, neigt zu spontanen Gewaltausbrüchen und leidet unter einem fanatischen Sauberkeitszwang, der Bartsch sein Leben lang begleiten wird. Viele Jahre zwingt seine Mutter ihn dazu, im ehelichen Elternbett zu schlafen. Noch mit 19 lässt er sich von ihr in der Wanne waschen und bis zum Tag seiner Verhaftung legt sie ihm seine Klamotten zurecht. Auf diesen Umstand während des Prozesses angesprochen, sagt Bartsch, er habe irgendwann einfach akzeptiert, dass seine Mutter ihn wasche.

Sein Vater hingegen macht es sich zum Ziel, einen “echten Mann” aus seinem einzigen Sohn zu machen. Schon früh nahm er ihn mit in die Metzgerei und brachte ihm bei, Tiere fachgerecht zu zerteilen. Eine Fähigkeit, auf die sich Bartsch Jahre später bei der Vertuschung seiner grausamen Verbrechen berief.

Der junge Jürgen Bartsch in der Metzgerei seiner Eltern
Der junge Jürgen Bartsch in der Metzgerei seiner Eltern

Auf elterliche Liebe und Zuneigung hofft Barsch vergeblich. Stattdessen schicken ihn seine Eltern in ein Heim, wo ihm Disziplin beigebracht werden soll. Mit der dortigen, für ihren Geschmack nicht hart genug durchgesetzten Strenge, sind die Eltern nicht zufrieden und so kommt Jürgen Bartsch schließlich in ein katholisches Internat. Dort entdeckt er durch einen Zufall, dass er adoptiert worden ist. Außerdem entdeckt er, dass sich sexuell von den anderen Jungen angezogen fühlt.

Während seiner Zeit im Internat wird Bartsch von einem Pater sexuell missbraucht. Die Ermittlungen werden später eingestellt und das Heim wird geschlossen.

Zweimal unternimmt der junge Bartsch einen Fluchtversuch. Die Eltern bringen ihn immer wieder an den Ort zurück, dem er so verzweifelt versucht, zu entkommen.

 

Vom unverstandenen Jungen zum Kindermörder

1961 wird Jürgen Bartsch zum ersten Mal straffällig. Er missbraucht den Sohn des ortsansässigen Malermeisters in einem Luftschutzbunker in Oberbonsfeld. Bartsch wird immer wieder an diesen Ort zurückkehren. Er tötet den völlig verängstigten Jungen nicht.

So kommt es zur Anklage wegen Körperverletzung, die Bartsch abwenden kann, indem er glaubhaft beteuert, er habe nur mit dem Jungen herumgealbert.

Dieser Vorfall kann später als Wendepunkt in Jürgen Bartsch Leben gedeutet werden. Schon zuvor litt er an sadistischen Fantasien, die er nun zum ersten Mal hatte real werden lassen. Von da an verschlimmerte sich sein geistiger Zustand stetig. Die Fantasien ergriffen regelrecht Besitz von ihm und bestimmten sein Leben völlig.

Nur ein Jahr später, Bartsch ist gerade 15 Jahre alt, begeht er seinen ersten Mord. Der acht Jahre alte Klaus Jung wird von ihm in den Bunker gelockt, vergewaltigt, getötet und dort begraben. In einem seiner ersten Verhöre wird Bartsch die letzten Worte seines ersten Opfers wiedergeben: “Mutti, Mutti. Ich bin tot.”

Drei Jahre lang wird Bartsch nicht von seinen Gewaltfantasien geplagt. Ein Phänomen, das sich bei Serienmördern immer wieder beobachten lässt. Doch die Fantasien kehren zurück. Bartsch ist sich seinem Sadismus und der schweren psychologischen Störung zu jedem Zeitpunkt bewusst. Es mangelt ihm, anders als bei anderen Tätern, nicht an Empathie. Er wird seine Taten später nicht einmal bestreiten.

Im Jahr 1965 tötet er Peter Fuchs und Ulrich Kahlweiß innerhalb weniger Wochen. Kurz darauf, im Jahr 1966, folgt der Mord an Manfred Graßmann, den Bartsch auf einer Kirmes anspricht.

Nur einen Monat später findet die Mordserie ihr Ende. Bartsch lässt Peter F. lebend im Bunker zurück und der Junge schafft es, seinem sicheren Tod zu entfliehen. Dem Mörder, der Langenberg und Umgebung über Jahre und Monate in Atem gehalten hat, ist sein erster Fehler zum Verhängnis geworden.

Bei seiner Verhaftung ist Jürgen Bartsch sofort bereit, sämtliche Fragen der Beamten zu beantworten. Er zeigt sich kooperativ, versucht nicht, etwas zu verheimlichen. Im Gegenteil. Bartsch war seinen Tötungsfantasien und seiner eigenen Grausamkeit ausgesetzt.

 

Das Ende einer erschütternden Mordserie

Der Fall Jürgen Bartsch findet großen medialen Anklang. Ein Junge, der mit 15 Jahren seinen ersten Mord begeht, bietet viel Raum für Spekulationen und Schlagzeilen. “Der Kirmesmörder”, wie er von nun an von der Presse betitelt wird, wird im ersten Prozess im Landgericht in Wuppertal zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Rolf Bossi, der Bartsch vor Gericht als Anwalt vertritt, geht in Revision. Vier Jahre nach der Urteilsverkündung wird dieses in eine zehnjährige Jugendstraße mit anschließender Unterbringung in einer Heilanstalt umgewandelt. Bossi hatte Jürgen Bartsch grausame Kindheit in den Fokus gerückt und die Strafjustiz so maßgeblich auf einen neuen Kurs gebracht.

Jürgen Bartsch beantragt 1973 eine Hirnoperation, die ihn von seinen krankhaften Gedanken befreien und ihm so ein normales Leben ermöglichen soll. Der Antrag wird abgelehnt. Die Aussicht auf Erfolge sei zu gering.

1975 heiratet Bartsch im Gefängnis die körperlich behinderte Gisela. Die Krankenschwester hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dem seelisch kranken Mann zu helfen.

Drei Jahre nach dem Wunsch, sich am Hirn operieren zu lassen, bittet er um eine chirurgische Kastration. Ein Leben in einer Heilanstalt, ohne Aussicht auf Entlassung, kommt für Bartsch nicht in Frage. Trotz seiner Einsicht und seines Wissens um seinen Zustand hält er es für realistisch, irgendwann entlassen zu werden. Dem Antrag auf die Operation wird stattgegeben. Aufgrund einer Verwechslung und Überdosierung des Narkosemittels stirbt Jürgen Bartsch im Alter von 29 Jahren auf dem Operationstisch.
Sein Anwalt erklärt, man habe Jürgen Bartsch “bei Nacht und Nebel verscharrt.” Es gebe keinen Grabstein mit seinem Namen oder seinen Daten. Sein Vater habe lange nach einem Friedhof suchen müssen, der Willens gewesen sein, seinem Sohn die letzte Ruhestätte zu gewähren.

Der Luftschutzbunker wird zubetoniert und ist mittlerweile von Ranken und dichtem Blattwerk überwachsen. Nichts erinnert hier mehr an die grausamen Taten, die dort vor über dreißig Jahren geschahen.

 

Weshalb wurde Jürgen Bartsch zum Mörder?

Über diese Frage kann man wohl endlos debattieren. Letztlich spielt Bartsch gewaltgeprägte, lieblose Kindheit eine große Rolle. Ihm blieb die Chance auf ein normales Aufwachsen verwehrt. Stattdessen wurde er sich selbst und der Strenge anderer überlassen.

Das begann bereits auf der Säuglingsstation des Krankenhauses, wo ihm die Aufmerksamkeit und die innige Liebe verwehrt blieb, die ein Baby in den ersten Monaten seines Lebens so dringend benötigt und einfordert. Und es zog sich durch sein kurzes Leben. Immer wieder wurde Bartsch mit willkürlicher Gewalt konfrontiert. Nicht nur durch seine Eltern, sondern vor allem auch während seiner Zeit auf dem Internat. Die Ohnmacht, die Bartsch fortwährend erlebte, kompensierte er durch eigene sadistische Ausbrüche. Das ständige Unterwerfen und das Befolgen der Befehle, die die Erwachsenen in seinem Leben ihm gaben, prägten seine sadistische Neigung. Er sehnte sich nach Macht und Entscheidungsgewalt.

Bartsch hat unter seinen Fantasien und Taten gelitten. Das Alter, in dem er mit dem Missbrauchen und Töten der Jungen begann, zeigt auch, wie groß der Leidensdruck gewesen sein muss. Die Schwere seiner sadistischen Taten ist bis heute fast einzigartig.
Ob man seine Taten hätte verhindern können, lässt sich heute nicht abschließend beantworten. PsychologInnen sind sich einig, dass die Schwere seiner psychischen Störungen auch heute noch nicht in dem Maße behandelbar gewesen wäre, als das er die Heilanstalt jemals wieder verlassen können.

Der Fall Jürgen Bartsch war ein Meilenstein der deutschen Kriminalgeschichte. Nie zuvor war aus dem Täter gleichzeitig auch ein Opfer geworden. Nie zuvor hatte man einen Mensch hinter dem Monster gesehen.

 

Quellen

 

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