Kting Voar – geheimnisvolle Hörner aus Kambodscha

| 30. Dezember 2020 |

Noch nie hat ein Wissenschaftler den Kting Voar zu Gesicht bekommen. Vermutet wurde dahinter die Spiralhornantilope (“Pseudonovibos spiralis”) und damit ein Hornträger aus Südostasien. Dabei ist allerdings auch die Spezies der Hornträger noch nicht wissenschaftlich erwiesen. Wenn noch gänzlich ungeklärt ist, ob es eine Tierart überhaupt existiert, befasst sich die Kryptozoologie mit der Erforschung.

Der kambodschanische Name Kting Voar (auch Khting Vor oder Kting Sipuoh, Khting Pos) entspricht dem vietnamesischen Linh Duong und bedeutet so viel wie “Schlangenfressende Kuh”. Nach der Überlieferung soll der Kting Voar eine kuhähnliche Gestalt haben, zeichnet sich jedoch durch eigenartig gedrehte Hörner aus. Diese sollen – so die kambodschanischen und vietnamesischen Überlieferungen – etwa 45 Zentimeter lang sein. Der Kting Voar hat ein geflecktes Fell. Immer jedoch hat der Kting Voar eine Verbindung zu Schlangen: Er frisst sie, doch die Berichte weichen voneinander ab.

Anfangs dachte man, es handele sich um ein “Dschungel Schaf”, da der kambodschanische Namen falsch übersetzt wurde. Hinzu kam, dass Linh Duong, die vietnamesische Bezeichnung tatsächlich Antilope oder Gnu bedeutet und man anfangs glaubte, der Name beziehe sich auf den Kting Voar. Das trifft nicht zu, sondern Linh Duong bezeichnet den Festland Serau, eine Ziegenart. Eigentlich war bereits die lateinische Bezeichnung “Pseudonovibos spiralis” falsch, denn der Beschreibung nach handelte es sich nicht um eine Antilope, sondern um eine Kuh.

 

Deutsche Forscher entdecken geheimnisvolle Hörner

Dass der Kting Voar mehr ist als eine legendenhafte Erzählung fanden die Wissenschaftler Wolfgang Peter und Alfred Feiler heraus. Im Jahr 1993 kauften sie im Ho Chi Minh City Market in Saigon mehrere sehr eigenartige Hörner und Hornpaare auf. Die wichen von allem ab, was die Biologen bis dahin gesehen hatten. Aufgrund der Funde vermuteten sie sechs unterschiedliche Tiere einer neuen Gattung und Art, die sie als “Pseudonovibos spiralis” beschrieben. Die Hörner können übrigens im Museum für Tierkunde in Dresden (u.a. Katalognummer MTD B18479) bestaunt werden.

Die beiden Wissenschaftler gingen der Spur nach. Die Vietnamesen gaben sich jedoch wenig erstaunt, denn der Kting Voar, so die Aussagen, lebe im Hochland von Da Lat. Es sei existent, keine Frage, wenn auch selten anzutreffen. Der lokale Name soll Linh Duong gewesen sein und das bedeutet so viel wie Bergziege. Auch im Nordosten Kambodschas wurden zwischen 1994 und 1995 weitere Hörner erworben. Die Gegend schließt an die vietnamesische Bereiche an, die auch als Heimat von Linh Duong gelten. Der Kambodschanische Name Kting Voar heisst genau übersetzt: “Wilde Kuh mit lianenförmigen Hörnern”. Ein weiterer Name für das seltene Tier ist Kting Sipuoh: “Wilde Kuh, die Schlangen frisst”. Doch bereits im 1929 wurden offensichtlich ähnliche Hörner, wie die der beiden deutschen Forscher in Vietnam entdeckt. Diese befinden sich heute im Naturkundemuseum der Universität von Kansas und sind der älteste Beweis für die merkwürdige Kuh.

 

Kopfzerbrechen über verdrehte Hörner

Zwischenzeitlich rätselte die Wissenschaft weltweit über die Verwandtschaft und die Bestimmung der Hörner aus Saigon. Genetische Studien lieferten widersprüchliche Ergebnisse. Die Hörner sollten von den Gämsen (Rupicapra rupicabra) abstammten. Das war aus biogeographischen und evolutionshistorischen Gründen kaum möglich. Schließlich wurde das Ergebnis auf kontaminierte Proben der DNA-Untersuchungen zurückgeführt. Alle Untersuchungen bestätigten schließlich, dass es sich um Kuh-Hörner handelte. Die zur Art zugehörigen ungewöhnlich gefleckten Felle sind bei domestizierten Vieh durchaus üblich, nicht jedoch bei wildlebenden Kühen. Möglicherweise entstanden die Hörner durch eine komplizierte Technik, um sie zu Anti-Schlangen Talismännern umzugestalten – eine Vermutung, die sich noch bestätigen würde.

 

Fälschungen und Talismane

Weitere Hörner wurden gekauft und ein besonders altes Exemplar aus dem Jahr 1925 erwies sich in der anatomischen und genetischen Untersuchung als zum Hausrind (Bos taurus) gehörend. Die histologische Untersuchung konnte demonstrieren, dass die für den “Pseudonovibos spiralis” typischen und auffälligen Riffelungen der Hornschneiden künstlich herbeigeführt waren. Denn die Keratinschichten verliefen nicht durchgängig – was aber bei einem normalen Wachstum zu erwarten gewesen wäre. Sie waren durch Aufwölbungen und Eintiefungen unterbrochen, was schließlich als eine nachträgliche Manipulation gewertet wurde. Auch das in Dresden ausgestellte Material lässt eine künstliche Herstellung der Riffelung vermuten. Grundlage waren vermutlich die Hörner des Wasserbüffels (Bubalus bubalis).

Nochmals befragte man die Händler in Südostasien. Es stellte sich heraus, dass die mysteriösen Horner tatsächlich als Teil der Folklore hergestellt werden. Man entfernt die Hornscheide vom Hornzapfen und tränkt sie in Essig. Später wird sie in den Blättern von Bambus und Zuckerpalmen erhitzt. Sind sie weich genug, wird die Spitze gedreht und eine Riffelung eingedrückt. Meist nimmt man Hörner von Hausrindern und Wasserbüffeln für den Talisman. Ob es den “Pseudonovibos spiralis” tatsächlich gibt, ist jedoch weiterhin ungeklärt.

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