Erinnerungen an rotten.com

| 16. Januar 2021 |

Ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend, die Augen zu Schlitzen verengt und das dringende Bedürfnis, den Browser ganz schnell wieder zu schließen. So in etwa liefen meine damaligen Besuche der Webseite rotten.com ab. Die Seite war DAS Thema in der Schule. Wollten wir nicht alle schon immer mal wissen, wie ein Opfer nach einem schlimmen Motorradunfall wirklich aussieht? Oder eine aufgedunsene Leiche? Heute kann ich sagen, nein, das muss man nicht wissen. Ich kann mich noch genau an meine wenigen Klicks auf rotten.com erinnern. Am Computer meiner Eltern im kalten Schlafzimmer. Auf dem alten Röhrenbildschirm. Vor jedem Klick hatte ich Angst und fragte mich, warum ich es dann überhaupt durchziehe. Aber ich wollte ja mitreden können, in der Pause zwischen Mathe und Bio. Ich war damals im frühen Teenageralter. Und nun stellen wir uns vor, ich erzähle einem heutigen Teenager von diesen ekelhaften und absurden Bildern auf rotten.com und wir öffnen die Seite. Schon bei der Startseite hätte der keinen Bock mehr. Die sah nämlich alles andere als seriös an – einfach gebaut, mit verpixelten Grafiken und Schlagwörtern in Rot oder Blau. Als hätte sie der Nachbar selbst gebaut. Schwer zu glauben, dass sich dort die schrecklichsten Bilder des damaligen Internets versteckten. Doch das taten sie. Nach wenigen Klicks sah ich ein schwarz-weiß Foto mit einem Torso. Arme, Beine und Kopf abgetrennt. Ich scrollte weiter. Und sah ein Bild, was ich seitdem nicht vergessen habe. Ein Mann liegt auf einer Straße und der halbe Kopf fehlt. Es sieht aus, als sei ein Lkw über eine Hälfte seines Kopfes gefahren. Mir wurde übel und ich schloss den Browser. Und schaffte es seitdem nicht wieder über die Startseite hinaus.

 

Der Beginn der Grenzenlosigkeit

Bei rotten.com gab es alles – gescheiterte Selbstmordversuche, Männer, die ihre Penisse in Fische steckten, Jesus, der sich von einem Kind oral befriedigen lässt oder kleine Katzen, die in Gläser gesteckt werden, damit sie ihre Körperform dauerhaft verändern. Auch vermeintlich echte Fotos von toten Promis schafften es auf die Seite. Und verschafften ihr sicherlich auch diese enormen Besucherzahlen. So konnte man eine aufgedunsene tote Marylin Monroe sehen, einen erschossenen Tupac oder eine tote Lady Di im Autowrack. Die Echtheit der meisten Promibilder konnte jedoch widerlegt werden.

rotten.com ging 1996 an den Start. Schon ein Jahr später wurde sie das erste Mal genauer untersucht, da die angeblich echten Fotos von Lady Dianas verstümmelter Leiche zu sehen waren. Die Fälschung konnte aufgedeckt werden und rotten.com wurde berühmt. Jeder, der etwas richtig Schlimmes sehen wollte, wurde dort nicht enttäuscht. Hunderttausende stillten dort täglich ihre Gier nach Sensation und echtem Ekel. Und das zu einer Zeit, in der es kaum eine andere Möglichkeit gab, so etwas zu sehen. Außer man ist live dabei. Heute sieht die Sache schon anders aus. Wer bei Facebook, Twitter oder Instagram schneller als die Social-Media-Polizei ist und die richtigen Hashtags kennt, kann sich täglich Enthauptungsvideos und gescheiterte Suizidversuche anschauen.

 

Deshalb konnte rotten.com so lange im Internet überleben

Es ist nicht so, dass in den Zeiten von rotten.com nicht versucht wurde, die Seite aus dem Netz zu nehmen. Anwälte versuchten dies mehr als 20 Jahre lang. Doch erfolglos. Schließlich führte tatsächlich ein Technikausfall dazu, dass die Seite heute nicht mehr aufrufbar ist. Dass sich mehr als 20 Jahre später immer noch Blogs rotten.com widmen und über das Internetphänomen der Neunziger und Jahrtausendwende schreiben, hätte sich der Betreiber damals sicher nicht träumen lassen. Dem Online-Magazin Salon sagte er 2001, dass er nur Bilder zum Spaß auf die Seite stellen wollte. Außerdem habe er das Makabere schon immer gemocht. Und dann sei es ein Selbstläufer geworden und die Seite verbreitete sich rasant schnell. Der Gründer sammelte Bilder aus alten Büchern, Zeitschriften oder auch von Webseiten. Später kümmerte sich ein ganzes Team um die Flut aus Zusendungen.

Die Mitarbeiter mussten sicher noch stärkere Mägen als die Konsumenten haben. Die Leserpost bestand nicht selten aus Aufnahmen von verheerenden Unfällen, aus dem Drogenkrieg oder von offiziellen Tatorten. Aber auch seltsame Tätowierungen und Illustrationen fanden den Weg zu rotten.com. Datenschutz war damals noch ein Fremdwort. Je absurder, je ekelhafter desto besser. Die Betreiber redeten sich damals damit raus, dass Kinder sowieso nicht allein im Internet unterwegs sein sollten. Und rechtfertigten damit auch den pornografischen Inhalt ihrer Plattform. Kein Wunder – Ende der Neunziger war das Internet für den normalsterblichen Menschen noch so neu wie der erste eigene Computer. Persönlichkeitsrechte und Datenschutz – über solche Grenzen im virtuellen Raum machte sich damals noch niemand Gedanken. Und die Frage, was gezeigt werden darf und was nicht, ist bis heute noch ein Streitthema. Denn wenn Inhalte gesperrt werden, wird den Verantwortlichen oft Zensur vorgeworfen.

 

Vom Hacker zum Schocker

Doch wer waren diese Leute, die eine Internetseite erschafften, die den Ekel der Menschen aufs Äußerste herausforderte? Wie das Internetportal Vice schreibt, stammen die Macher von rotten.com aus der Hacker-Szene. Gänzlich bewiesen ist es nicht, aber der Kalifornier Thomas E. Dell soll der Gründer der Internetseite des Grauens sein. Er gründete 1991 die Firma MindVox, gemeinsam mit zwei Männern aus dem weltweit bekannten Hackerkollektiv „Legion of Doom“. Warum man glaubt, dass Dell der Gründer ist? Nun ja, sein Name, seine heutige Firma und ein Postfach im Silicon Valley sind als Besitzer der Domain rotten.com eingetragen. Er sagte dem Magazin Salon einmal, dass er Mitte der Neunziger mit Domains gehandelt, rotten.com aber für sich behalten habe, weil ihm der Name so gut gefallen habe. Er hatte nicht nur Kontakt zu Hackern, er saß mit dem Standort Silicon Valley auch am Puls der Zeit, was die Entwicklung des Internets betrifft. In Deutschland landete rotten.com recht schnell auf dem Index. Und zwar schon 1999. Politiker und Gerichte versuchten immer wieder, die Seite zu sperren – jedoch erfolglos. Stattdessen entbrannten Debatten rund um Verbraucherschutzregeln im Internet. Schon bald gab es nicht mehr nur rotten.com, sondern weitere Seiten dieser Art. So zeigte boners.com Penisse in allen Formen und Farben, mugshots.com beinhaltete Polizeifotos und auf der Seite Daily Rotten verwiesen Gründer Dell und seine Kollegen ab 1999 vor allem auf externe Quellen.

 

Falschmeldungen wurden zu Belehrungen

Das gefälschte Foto von Lady Dianas Tod wurde schnell enttarnt. Die Betreiber der Seite rechtfertigten sich damit, dass sie niemals behauptet hätten, das Foto sei echt. Und da kam sie zum ersten Mal auf. Die große Frage, die sich die Medien heute täglich stellen müssen: Recherchiere ich alles zu dem vermeintlich echten Foto oder veröffentliche ich es sofort, um die Klicks zu bekommen? Diesen Spagat führte rotten.com zur Jahrtausendwende wie keine andere Seite vor. Denn sie fütterte nichts anderes, als die Sensationsgeilheit der Menschen. Mit der Nachrichtenseiten heute ihr Geld verdienen müssen. Fälschungen im Netz gab es schon immer. Aber welche Auswirkungen sie tatsächlich haben können, das machte erst rotten.com deutlich. Die erste Generation der Internettrolle tobte sich bei rotten.com aus. Bilder von Menschen, die angeblich ihre Freunde aßen, Bilder von sogenannten Bonsai-Kitten, die Gläsern aufgezogen werden sollten, damit ihr Körper eine bestimmte Form annimmt – alles Quatsch. Nur leider gab es immer wieder Menschen, die solche Informationen für bare Münze nahmen und Tierrechtsorganisationen sowie das FBI mussten einschreiten.

Rotten.com war eins der ersten Beispiele dafür, dass im Internet tatsächlich alles möglich war. Und das ist es bis heute. Nur nicht mehr auf der weltberühmten Ekel-Seite. Schon mit dem Aufkommen von Youtube, Reddit und Facebook hatte es die Internetseite schwer, am Markt zu bestehen. Immerhin hatte sich am Neunziger-Design der Webseite nie was geändert. 2009, 13 Jahre nach der Gründung, interessierte sich niemand mehr für rotten.com. Schockierende Bilder lassen sich mit etwas Geschick auch bei der Google-Suche finden und die Pausengespräche sind heute eher gefüllt mit den neusten Influencer-Skandalen.

Wenn ich heute rotten.com in die Browserzeile eingebe, passiert lange nichts, bis die Meldung „Seiten-Ladefehler“ erscheint. Und ich atme erleichtert auf. Denn inzwischen weiß ich, solche Bilder möchte ich nicht sehen.

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