Slaughterbots, tötende Drohnen und Killer-Roboter – günstig und anonym unangenehme Zeitgenossen loswerden

| 14. Januar 2021 |

Nein, sie hätte nicht über deine Terrasse fliegen dürfen. Und ja, sie sollte eine Kennung haben. Hatte sie vielleicht auch. Irgendeine. Mit GPS wird das Ziel ins Visier genommen: Kimme, Korn, Schuss – das war’s. Die Mini-Drohne fliegt unbeirrt weiter und zerstört sich über unbewohntem Gebiet selbst. Kostenpunkt: nicht der Rede wert.

Kurz darauf stochert die örtliche Kripo auf deiner Terrasse herum, um den Ausweis des Täters oder zumindest Spuren seiner DNA zu finden. Man macht letzte Fotos von dir, denn du wurdest gerade Opfer eines “Slaughterbots” – der perfekte Mord im 21. Jahrhundert?

 

Slaughterbots – (k)eine Fiktion

In 2017 erschien das provokative YouTube-Video “Slaughterbots”, zu deutsch “Schlachtroboter”, halb-deutsch “Killerroboter”. Handtellergroße Drohnen nutzen die Technik der Gesichtserkennung, um mit kompakter Munition bestimmte Personen oder gleich ganze Gruppen zu eliminieren. Wer sein Foto auf Facebook gepostet hat, ist verloren. Das Video demonstriert wie einfach es ist, politische Gegner und nervige Aktivisten loszuwerden – anonym, unauffällig und recht günstig.

“Panikmache” – ohne nennenswerte Zeitverzögerung zerrissen die Kritiker das Video-Projekt, das im Rahmen der “Campaign to Stop Killer Robots”, einer Kampagne von Kritikern der autonomen Waffensysteme, gedreht wurde: “Entspricht nicht dem Stand der heutigen Technik, “Drohnen haben keine ausreichend lange Flugdauer”, “Gesichtserkennung braucht zuviel Speicherplatz” zählten zu den Gegenargumenten. Sehr kurzlebige Einwände, wie wir heute und in Anbetracht der rasanten Entwicklung bei den neuen “Smart Weapons” wissen.

 

Brisantes Material – die Massenvernichtung mit Smart Weapons

Zeigen wollte man im Slaughterbots-Video, so Stuart Russel, einer der wichtigste KI-Forscher unserer Zeit, wie autonome Waffensysteme zu Massenvernichtungswaffen werden. Sie sind durchaus erschwinglich, können in Schwärmen fliegen und dabei sogar miteinander interagieren.

Wenn auch damals noch einige Fähigkeiten der vorgestellten Systeme “Science Fiction” waren, lag die Brisanz des Videos in der sehr nahen Zukunft, in der sich deren Umsetzung erwarten ließ. Die Idee der Killer-Roboter ist ohnehin nicht neu – zumindest nicht für größere und festinstallierte Systeme: Südkorea hat an seiner Grenze den vollautomatischen Kampfroboter Samsung SGR-A1 installiert, der eigenständig “Feinde” erkennt und kommentarlos erschießt. “Guardium”, ein ähnliches System, nutzt Israel am Gaza-Streifen.

 

Die leeren Schlachtfelder unserer Zeit

Morde oder besser “Tötungen” in Kriegen werden künftig delegiert: an Roboter, Drohnen und wer weiß an was noch. Sie sind belastbarer, haben längere Stehzeiten und schießen ohnehin genauer. Drohnen und andere bewaffneten Systeme der Bundeswehr werden mit der Künstlichen Intelligenz (KI) immer autonomer und “klüger”. Klar ist, die neue Waffen- und Kampftechnologie der Slaughterbots & Co. wird fast ausschließlich im militärischen Bereich entwickelt – weltweit. Dort hat man Geld, Ressourcen und ein Interesse an der neuen Kriegsführung. Am gezielten Töten übrigens auch. Wie etwa im “War on Terror”, den Anti-Terrorismus-Maßnahmen, bei dem die Drohnen zum Einsatz kommen.

 

Xbox-360-Controller für die Laserkanone

Boeing entwickelt nicht nur Flugzeuge. Das amerikanische Rüstungsunternehmen stellte bereits in 2015 eine mobile Laserkanone vor, die Drohnen in 15 Sekunden vom Himmel holt. Das Compact Laser Weapon System (CLWS) funktioniert mit einem Laptop-Monitor und einem herkömmlichen Controller der Spielekonsole Xbox 360: Das rote Quadrat der Software wird auf das Heck der Drone bugsiert: Feuer frei!

Geht das vielleicht auch mit einem Auto oder einem Schlafzimmerfenster auf dem Bildschirm? Die Frage bleibt offen, doch der Laser arbeitet, so der Boeing-Techniker im Demo-Video, wie eine Schweißflamme. Wer getroffen wird, merkt das erst wenn es brennt. Und wer gehofft hat, das Boing-Laser-Inferno sei etwa zu schwer für die Fahrt im Bus, hat sich geirrt: Die mobile Laser-Kanone wird in vier Kisten transportiert und ist in 15 Minuten aufgebaut.

 

Anonymes Morden – kaum in den Griff zu kriegen

Ein enges Regel- und Gesetzeswerk der Juristen soll den Einsatz der neuen “Smart Weapons” limitieren und kontrollierbar machen. Doch lässt sich der Übergriff von Terroristen und anderen Gruppen auf diese neuen Technologien wirklich ausschließen? Wohl kaum. Opfer wird, wer eine bestimmte Uniform trägt, im Stadion mit einem rot-weißen Schal unterwegs ist oder dessen Facebook-Foto eingescannt wurde – so etwa bei Systemen der Gesichtserkennung, die bereits in öffentlichen Bereichen genutzt werden.

Der Umsatz bei den privaten Drohnen boomt. Die Verkäufe liegen deutlich über denen von kommerziellen Anwendern, wie beispielsweise der Gräber-suchenden Archäologen oder Steine-inspizierenden Geologen. Seit langem diskutieren Experten, wie diese privaten Drohnen den Luftverkehr, Großveranstaltungen und Stadien bedrohen können. Sie können nicht nur, sondern sie saugen bereits Daten aus Rechenzentren und Forschungsanstalten ab. Selbstverständlich boomt auch die Drohnenabwehrindustrie und sogar die Deutsche Telekom ist mit “Dedrone” in einem Projekt unterwegs. Doch lassen sich letztlich vielleicht sogar diese Drohnen-Abwehrsysteme, wie etwa der Boeing-Laser für einen Mordanschlag umfunktionieren?

 

Umgebaute Drohnen für perfekte Morde

Angst bekommen bei den aktuellen Entwicklungen nicht nur Friedensaktivisten. Mit den neuen, einfachen und kostengünstigen Technologien sinkt auch die Hemmschwelle des Waffeneinsatzes. Wer autonome Kampfroboter oder Slaughter-Drohnen in die Finger bekommt, kann mit unvorstellbarer Zerstörungskraft töten – oder ganz leise und anonym und damit auch ohne strafrechtliche Konsequenzen. Die ISIS hat im Syrien-Krieg bereits ähnliche, wenn auch noch schwache Drohnen eingesetzt – mit gutem psychologischen Effekt: Wer unterwegs ist, schaut ständig nach oben und muss jederzeit mit einem tödlichen Anschlag rechnen. Steht uns das auch noch bevor oder ist es Zeit, ein noch wirkungsvolleres Abfangsystem zu entwickeln? Danach ist es wieder Zeit, noch schlauere Drohnen gegen Terroristen in Händen zu haben. Und dann ist es Zeit, um neue … Naja, warten wir einfach mal ab, wie viel Zeit der Menschheit noch bleibt.

Quellen

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