Der Fall Steven Avery – so einfach ist das

| 23. Januar 2021 |

Wer hat Teresa Halbach ermordet – Steven Avery oder war es gar die örtliche Polizei? Der Fall Avery rüttelt wach: Wie einfach ist es, einen Unschuldigen hinter Gitter zu bringen? Wie viel einfacher ist das für Justiz und Polizei? Ob Steven Avery tatsächlich der Täter war, spielt in dem Indizienprozess fast keine Rolle mehr. Der Mordprozess demonstriert die hinterhältigen Möglichkeiten der Justiz, die Schwächen der forensischen Analyse und die Hilflosigkeit eines Angeklagten.

 

Ein Mord, keine Leiche und fragwürdige Beweise

Es ging um viel Geld im Fall Steven Avery. Nach seiner Freilassung im Jahr 2003 klagt er auf 23 Millionen US-Dollar – für 18 Jahre unschuldig hinter Gittern. Avery hat gute Chancen auf Schadenersatz und er hat die Unterstützung der Öffentlichkeit. Doch dann geschieht ein mysteriöser Mord. Fragwürdige Indizien zeigen auf Steven Avery, der zudem von seinem lernbehinderten Neffen Brendan Dassey belastet wird. Wer hat die 25-jährige Teresa Halbach ermordet und – wurde sie überhaupt ermordet?

 

In dubio pro reo – nicht für alle

Im Zweifel für den Angeklagten galt nicht für Steven Avery. Das Gegenteil war der Fall und selbst die zweifelhaftesten Beweise sollten schließlich seine Schuld untermauern. Für den Mord an Teresa Halbach wurde Avery in 2007 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt – ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung. Der 17-jährige Brendan, der Sohn seiner Schwester, muss für die Mittäterschaft 17 Jahre absitzen. Die Netflix Serie “Making a Murderer” aus dem Jahr 2015 machte den Fall international bekannt.

 

(K)ein ganz normales Kleinstadt-Leben in Wisconsin

Steven Allan Avery, Jahrgang 1962, war kein unbeschriebenes Blatt. Mit seiner Familie betreibt er einen Schrottplatz außerhalb der Stadt Gibson im Manitowoc County des amerikanischen Bundesstaats Wisconsin. Er besuchte öffentliche Schulen und soll ein wenig langsamer gewesen sein als andere, sagt seine Mutter. Verurteilt wird Avery das erste Mal mit 18 Jahren: Zusammen mit einem Freund bricht er in eine Bar ein. Von den zwei Jahren hat er zehn Monate abgesessen. Mit 20 wird er wegen Tierquälerei verurteilt: Zusammen mit zwei Freunden soll er seine Katze mit Benzin und Öl übergossen und dann ins Feuer geworfen haben.

Noch bevor er die Haftstrafe antritt, heiratet er Lori Mathiesen, eine alleinerziehende Mutter, die zwei Mädchen und die Zwillinge Steven und Will zur Welt bringt. Im Januar 1985 kommt es zu einem weiteren Zwischenfall: Avery drängt das Auto seiner Cousine von der Straße ab und bedroht sie mit einem Gewehr. Avery gab an, dass das Gewehr nicht geladen war und er Sandra Morris abhalten wollte, weiterhin Gerüchte über ihn zu verbreiten. Die Cousine behauptete nämlich, dass er vor ihrem Haus masturbiert hatte, was Avery bestritt. Er erhält eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

 

Unschuldig hinter Gittern – der Fall Penny Beerntsen

Im Juli 1985 wird eine Joggerin am Lake Michigan vergewaltigt. Fast sofort wird Avery verhaftet. Die Joggerin gibt bei der Polizei nämlich eine Personenbeschreibung ab – gut genug, um ein Phantombild anzufertigen. Und das sieht ziemlich genauso aus, wie Steven Avery. Bei einer Gegenüberstellung identifiziert sie ihn. Später wird sich zeigen, dass das Phantombild nicht mit den Angaben des Opfers übereinstimmte. Nichtsdestotrotz sehen sich Avery und Gregory Allen, der wirkliche Täter, recht ähnlich.

Experten bezweifeln jedoch, dass sich der Phantombild-Zeichner allein an den Vorgaben des Opfers orientiert hat. Hinzu kommt, dass Gregory Allen zum Tatzeitpunkt eigentlich unter Polizeibeobachtung stand: Er hatte nämlich zwei Jahre zuvor an gleicher Stelle eine Frau angegriffen und war für seine Gewalttaten gegen Frauen bereits polizeibekannt. Allen galt nie als Verdächtiger galt und war auch nicht in der Gegenüberstellung dabei – obwohl der verurteilte Avery stets eine Tatbeteiligung bestritt und ein Alibi hatte. Das bestätigen ein Kassenbon vom 65 Kilometer entfernten Green Bay und 16 Augenzeugen. Avery wurde wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes an Penny Beerntsen zu 32 Jahren Haft verurteilt. Zwei spätere Gnadengesuche lehnte man ab. Erst in 2002 belegte ein DNA-Test Averys Unschuld und überführte Gregory Allen der Tat.

 

Willkürliche Justiz – die neue Normalität?

Der Fall schlägt hohe Wellen in den USA, denn heraus kommt auch, dass bereits in 1995 – also 10 Jahre nach dem Überfall auf Penny Beerntsen – ein Polizist aus Brown County die Kollegen in Manitowoc von der vermutlichen falschen Verurteilung unterrichtete. Der Sheriff Thomas Kocourek antwortete: “Wir haben schon den Richtigen. Belaste dich nicht selbst damit.” Nach seiner Entlassung in 2003 erhebt Avery eine Zivilklage über 36 Millionen Dollar gegen das Manitowoc County, den damaligen Sheriff Kocourek und den ehemaligen Bezirksstaatsanwalt Denis Vogel. Seine Frau hat sich bereits scheiden lassen und seine Kinder haben sich entfremdet. Avery saß 12 Jahre unschuldig hinter Gittern, plus der 6 Jahre für die Bedrohung und Belästigung der Cousine. Seine wiedergewonnene Freiheit sollte nicht lange dauern.

 

Steven Avery und der Halbach Mord

In 2005 trifft sich Avery mit Teresa Halbach, einer Fotografin. Avery will den Minivan seiner Schwester auf Autotrader.com verkaufen, Teresa wird die Fotos machen. Seitdem ist sie verschwunden. An Indizien wurde alles Mögliche sichergestellt. Doch wann, was, wie und unter welchen Umständen auftauchte, macht beinahe schwindelig. Möglich, dass Teresa Halbach tatsächlich von Steven Avery ermordet wurde. Möglich ist auch, dass die örtliche Polizei tatsächlich schmutzige Tricks ausspielte. Viele sehen in Steven Avery einen Sündenbock, der zum richtigen Zeitpunkt sowohl dem Mörder als auch der Polizei gelegen kam.

Nach dem Termin mit Avery am 31. Oktober 2005 wurde Teresa Halbach nicht mehr lebend gesehen. Am 3. November meldeten sie ihre Eltern als vermisst, denn sie war verschwunden und ihre Handy-Sprachbox voll. Am 11. November wurde Steven Avery verhaftet: für den Mord an Halbach, Kidnapping, sexuelle Nötigung und die Verstümmelung einer Leiche. Eine Leiche ist bis heute nicht gefunden worden. Steven Avery beteuerte seine Unschuld und vermutete einen Racheakt wegen der Schadensersatzklage gegen das Sheriff-Büro. Das Manitowoc County übergab den Mordfall an die Kollegen aus dem Nachbarcounty Calumet, allerdings blieben die Mitarbeiter aus Manitowoc zumindest noch an der Spurensuche beteiligt. Avery wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

Theresa Halbach war eine 25-jährige Fotografin aus Wisconsin

 

Die Beweislage im Halbach Mord

Avery war die letzte bekannte Person, die Teresa H. lebend gesehen hat. Nach dem Besuch des Schrottplatzes verliert sich ihre Spur. Wie viel Beweis genügt für die Verurteilung eines Mörders? Der Fall Steven Avery macht Angst.

 

Teresas Auto auf dem Schrottplatz

Am 4. November durchsuchten Beamte das Gelände des Schrottplatzes. Teresas Toyota RAV4, geparkt an prominenter Stelle an einer Ecke des Schrottplatzes, wurde nicht gesichtet – offensichtlich aber übersehen. Laut Averys Anwältin Kathleen Zellner soll am selben Tag ein Truck-Fahrer das Auto auf einer Straße erkannt und dies sofort der Polizei mitgeteilt haben. Am 5. November findet Teresas Cousine Pamela Sturm das Auto auf Averys 4.000 Quadratmeter-Schrottplatz. Auf die Frage, wie sie das Auto auf dem großen Gelände in weniger als einer halben Stunde entdeckt habe, antwortet sie “Gott hat uns den Weg gezeigt”.

 

Averys Blut ohne Fingerabdrücke

Am 11. November 2005 fand man sechs Blutspuren im Auto – alle mit Averys DNA. Der hatte tatsächlich bereits vor dem Tatzeitpunkt eine Verletzung an der Hand. Während der Ermittlungen stellte sich heraus, dass eine Ampulle mit Averys Blut aus dem Penny Beerntsen Fall sichergestellt geöffnet worden war: Das Siegel war gebrochen und der Deckel hatte ein kleines Loch – groß genug für die Nadel einer Spritze. Hatte jemand Teresas Auto willkürlich mit sechs Bluttropfen kontaminiert?

Das FBI entwickelte unter Zeitdruck einen neuen Test, um das übliche Konservierungsmittel im Ampullenblut nachzuweisen. Untersucht wurden drei der sechs Bluttropfen, in denen kein EDTA gefunden werden. Demnach mussten die Blutspuren als frisches Blut von Avery gelten. Merkwürdig bleibt, dass man keine Fingerabdrücke von Avery fand.

 

Averys Schweiß auf der Motorhaube

Als Durchbruch bei der Schuldfrage sah zumindest der Sonderermittler der Staatsanwaltschaft, Ken Kratz, den Schweiß auf dem Toyota. Den fand man unter der Motorhaube. Die Idee zur Suche lieferte die Befragung Brendan Dasseys und erst dann fand man Averys Schweiß. Vor Gericht ließ sich nicht ausschließen, dass auch ein Forensiker mit seinen Latexhandschuhen die DNA transferiert hatte. Averys Anwältin Zellner behauptet sogar, dass es sich nicht um Schweiß handeln kann. Denn Schweiß, so bestätigen auch andere Experten, enthalte keine DNA. In einem Test ließ Zellner fünf Leute jeweils 3 Mal die Verriegelung einer Motorhaube berühren. Bei den 15 Berührungen wurde nur in fünf Fällen tatsächlich DNA hinterlassen – in einer maximalen Konzentration von 0,09 ng. An Teresas Auto sollen jedoch 1,8 ng von Averys DNA gefunden worden sein – die 20fache Menge.

 

Teresas Autoschlüssel in Averys Haus

Bei der siebten Durchsuchung war es endlich soweit: Man fand die gut sichtbaren Autoschlüssel von Teresa Halbach in Averys Schlafzimmerecke. Daran haftete Averys DNA – nur seine, sonst keine. Forensische Experten der Staatsanwaltschaft hielten es für möglich, dass bei einem kleinen Objekt Teresas DNA von Averys “ersetzt” wurde. Andere Experten vermuteten in einem solchen Fall eine Vermischung der DNA-Abdrücke.

 

Verbrannte Knochen auf dem Schrottplatz

Wo ist Teresas Leiche? An einer Feuerstelle auf dem Schrottplatz fand man verkohlte Knochen. Bei der Staatsanwaltschaft wertete man diese als die Leiche der verschwundenen Teresa. Die Anthropologin Leslie Eisenberg untersuchte die Funde und konnte einige davon als eindeutig als nicht menschlich identifizieren. Die Knochen wiesen überdies große Ähnlichkeit mit den Verkohlungen und Kalzinierungen aus einem nahe gelegenen Steinbruch auf. Wurden die Knochen dort verbrannt? Warum hätte man sie zurück zum Schrottplatz bringen sollen?

 

Das Geständnis des Neffen Brendan Dassey

Der 16-jährige lernbehinderte Sohn von Averys Schwester wurde mehrfach nach der Reid-Methode verhört. Die kann, so die Kritiker, insbesondere bei Kindern zu falschen Geständnissen führen. Seine Verhöre dauerten jeweils um die vier Stunden, ohne Eltern oder Anwalt. Auch in einem kurz darauf aufgezeichneten Telefonat mit seiner Mutter Barb Tardych gesteht Brendan eine Tatbeteiligung. Während der Befragungen bezichtigten ihn die Ermittler mindestens 75-mal der Lüge. Als er fragt, ob er nach einem Geständnis nach Hause gehen kann, sagen die Beamten “Ja”. Nach dem Geständnis wurde er gelobt, da er “endlich die Wahrheit gesagt hätte”. Später sagte er seiner Mutter, er hätte erraten was die Polizisten von ihm hören wollten. In der Schule würde er das genauso machen. Dassey wurde in einem getrennten Verfahren als Erwachsener verurteilt, seine intellektuellen Einschränkungen als irrelevant eingestuft.

Brendan Dassey

 

Wenn nicht Avery – wer tötete Teresa Halbach?

Verschwindet eine Person werden normalerweise zunächst die üblichen Verdächtigen befragt: Wer hat das Opfer zuletzt gesehen, wer könnte ein Motiv haben? Die ersten Verdächtigen der Polizei stammen aus dem unmittelbaren Umfeld des Opfers – und dort ist den Statistiken nach auch meist der Täter zu finden. Im Fall Teresa Halbach liefen die Ermittlungen anders ab. Verdächtig war und blieb nur Steven Avery. Wäre sie tatsächlich auf dem Schrottplatz gestorben, hätte er die Blutspuren aus dem Toyota beseitigen oder gleich das ganze Auto in der Schrottpresse vernichten können. Die 10-teilige Netflix Doku “Making a Murderer” warf im Jahr 2015 viele Fragen auf – und sie brachte neue Verdächtige ins Visier.

 

Volle oder nicht volle Mailbox, das ist die Frage

Die volle Mailbox war der Grund, warum sich Teresas Eltern an die Polizei wandten. Ein Servicetechniker stellte später fest, dass die Mailbox doch nicht voll war. Ryan Hillegas, Teresas Ex-Freund, gab zu, ihre Mailbox gehackt zu haben, um Nachrichten zu drucken – sie waren fünf Jahre zusammen. Er war nie Verdächtiger und musste somit auch nie ein Alibi vorweisen, war aber sofort zur Stelle, als Suchtrupps zusammentrommelt wurden. Wie und wann sind dann die anderen Nachrichten aus der vollen und dann nicht mehr vollen Mailbox verschwunden? – auch das ist bis heute ungeklärt.

 

Der Zeitplaner beim Ex

Auch aus einem anderen Grund sieht Averys neue Anwältin, Katherine Zellner, ein verteidigungstechnisches Schwergewicht und spezialisiert auf Fehlurteile, Ryan Hillegas als einen möglichen Verdächtigen in Teresas Mordfall. Denn nicht einfach zu erklären ist die Sache mit Teresas Zeitplaner. Der soll sich zum Tatzeitpunkt in ihrem Auto befunden haben, so Zellner. Gefunden wurde der Planer allerdings bei Ryan Hillegas – und der hüllt sich in Schweigen.

 

Teresas Bruder – Mike Halbach

Was ist die Rolle von Mike Halbach, der Interviews vermeidet wie der Teufel das Weihwasser? Lediglich in Presse-Konferenzen erscheint er und selbst dann wird er von den Zuschauern als “verdächtig” und “zwielichtig” beurteilt. Auch er soll sich die Voicemails seiner Schwester angehört haben – das gab er in der Verhandlung im Jahr 2007 zu. Er wollte herausfinden, wo sie zuletzt war, um die Suche zu unterstützen. Wurden Nachrichten aus ihrer Mailbox gelöscht, um ihren letzten Aufenthaltsort zu verschleiern? Und schließlich war es nur noch Avery, der sie als letzter gesehen hat?

 

Der neue Mann – Scott Bloedorn

Nach der langen Beziehung mit Ryan war Teresa offen für eine neue Partnerschaft – mit ihrem Housemate Scott. Obwohl sie nach dem 31. Oktober spurlos verschwand und sich auch nicht meldete, machte er sich offensichtlich keine Sorgen. Jedenfalls nicht genug, um bei ihren Eltern, der Polizei oder in Krankenhäusern nachzufragen. Vermutet wird eine Verbindung zwischen Scott Bloedorn und Ryan Hillegas, die ein verdeckter Ermittler Zellners aufgespürt haben soll.

 

Unschuldig verurteilt – ganz legal

Der Fall Avery wirft Fragen auf – auch zum Rechtssystem der USA, das Fällen von Fehlurteilen und die Integrität von Polizei und Justiz. Mit der Veröffentlichung der Netflix-Doku fand der Fall Steven Avery internationale Beachtung. Ob die auf dem Schrottplatz gefundenen Knochen tatsächlich von Teresa stammen oder überhaupt von einem Menschen, ist nicht geklärt. Avery kann nur hoffen, dass die forensische Technik auch diese bald identifizieren kann. Denn – vielleicht sind es nicht ihre und Steven Avery könnte freikommen. Denn die Beweislage für einen Mord ist ausgesprochen dünn.

 

Quellen

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